NG eCall & RTT – Kommunikation in Echtzeit

Mit der fortschreitenden Digitalisierung verändert sich die Notrufkommunikation grundlegend. Zwei Technologien stehen dabei besonders im Fokus: Next Generation eCall (NG eCall) und Real Time Text (RTT). Beide Entwicklungen schaffen neue Möglichkeiten für Leitstellen durch schnellere Informationsübermittlung, höhere Verfügbarkeit und eine barrierefreie Kommunikation. Für Entscheider*innen im Leitstellenumfeld stellen sich dabei zentrale Fragen: Welche Anforderungen sind zu erwarten? Welche Chancen entstehen? Und wie lassen sich Leitstellen langfristig zukunftssicher aufstellen?

NG eCall – der nächste Schritt im automatischen Notrufsystem

Das automatische Notrufsystem eCall ist seit 2018 für alle neuen Fahrzeugtypen in der EU verpflichtend. Bislang basierte es auf leitungsvermittelten 2G- und 3G-Technologien. Mit der Einführung von NG eCall erfolgt die Übertragung nun IP-basiert über LTE- und 5G-Netze.
Für Leitstellen bedeutet das: Daten und Sprachverbindungen erreichen sie nicht nur stabiler, sondern auch schneller und in höherer Qualität.

Ein wesentlicher Vorteil: Der sogenannte Minimaldatensatz (MSD) mit Angaben zu Fahrzeugtyp, Identifikationsnummer und exakter Position, liegt bereits beim Gesprächseingang in der Leitstelle vor. Damit stehen kritische Informationen sofort zur Verfügung, noch bevor die Gesprächsannahme erfolgt. Die sonst übliche Übertragungszeit entfällt, und Sprachkommunikation sowie manuelle Abfragen können ohne Verzögerung parallel durchgeführt werden.

Gleichzeitig entstehen neue infrastrukturelle Anforderungen:

  • Leitstellen benötigen SIP-basierte Notrufleitungen und Trunks für Rückrufe.
  • Eine IP-fähige Kommunikationsumgebung wird zum Standard.
  • Übergangsphasen sind zu berücksichtigen, da klassische eCalls aus bereits zugelassenen Fahrzeugen weiterhin lange im Einsatz bleiben.

Ab dem 1. Januar 2026 müssen in Europa alle Autos, die neu auf den Markt kommen sollen, mit den eCall-Geräten ausgestattet sein. Ab 2027 dürfen nur noch neuen Fahrzeuge mit NG eCall-fähiger Ausstattung ausgeliefert werden. Damit steht eine Übergangszeit bevor, in der beide Systeme parallel zu unterstützen sind. Dieser Aspekt, muss bei der Leitstellenplanung berücksichtigt werden.

Interoperabilität im Fokus – Erfahrungen aus den NG eCall Plugtests

Die europaweite Einführung von NG eCall erfordert ein hohes Maß an Standardisierung und Interoperabilität. Plugtests wie jene im Juni 2025 in Bonn zeigen, wie essenziell die Zusammenarbeit zwischen Fahrzeugherstellern, Netzbetreibern und Leitstellenanbietern ist. Mehr als 2.500 Tests innerhalb von vier Tagen verdeutlichten die Bandbreite an Schnittstellenfragen, insbesondere beim Rückrufverhalten und bei manuellen MSD-Abfragen.

Solche Testreihen unterstreichen, dass NG eCall nicht allein eine technische, sondern auch eine organisatorische Herausforderung darstellt. Erst wenn alle Beteiligten – von Automobilindustrie bis Leitstelleninfrastruktur – harmonisiert arbeiten, kann der Nutzen für Bürger*innen und Einsatzorganisationen in vollem Umfang realisiert werden.

NGeCALL Plugtest Zertifikat

Real-Time-Text (RTT) – barrierefreie Kommunikation in Echtzeit

Parallel zu NG eCall gewinnt Real-Time Text (RTT) an Bedeutung. Ziel ist es, Notrufe unabhängig von Hör- oder Sprachfähigkeit barrierefrei zu ermöglichen. RTT überträgt Text zeichenweise in Echtzeit, eingebettet in die IP-basierte Sprachverbindung und vollständig auf SIP-Standards basierend.

Dies bringt für Leitstellen mehrere Vorteile mit sich:

  • Inklusion: Gehörlose, schwerhörige und sprachbehinderte Menschen erhalten direkten Zugang zu Notrufdiensten.
  • Flexibilität: Text- und Sprachkommunikation können kombiniert werden, etwa in lauten Umgebungen oder bei stillen Notrufen.
  • Effizienz: Fax-basierte Lösungen werden abgelöst, Medienbrüche vermieden und DSGVO-konforme Kommunikation gesichert.

Besonders relevant: Bürger*innen benötigen weder spezielle Apps noch Drittanbieter-Dienste. Der Zugang erfolgt über native Betriebssystemfunktionen oder Webclients – schnell, einfach und unabhängig von kommerziellen Plattformen.

Ab 2027 ist die Unterstützung von RTT in Leitstellen EU-weit verpflichtend. Bereits 2026 werden erste Plattformen, darunter die Kommunikationssysteme von eurofunk, diese Funktion zur Verfügung stellen.

Die Einführung von RTT verändert auch die Leitstellenprozesse. So wird die Textkommunikation in Dispatcher-Oberflächen integriert, wo neben freier Texteingabe auch vordefinierte Bausteine – etwa für W-Fragen – verfügbar sind. Parallel wird die Kommunikation aufgezeichnet und kann für Recherche- und Dokumentationszwecke genutzt werden.

Die Möglichkeit, Textnachrichten ebenso wie Sprache zentral zu dokumentieren und auszuwerten, erleichtert den Einsatzkräften die Arbeit und schafft zusätzliche Transparenz. Durch standardisierte Schnittstellen ist zudem sichergestellt, dass RTT auch nahtlos in bestehende Einsatzleitsysteme eingebunden werden kann.

Beispiel RTT Bedienoberfläche IDDS UCiP